Kennst du Erlangen

Beitrag Nr. < 864 von 648 >


Bild: Pfarrerstochter
Pfarrerstochter
Trennpunkt Nürnberger Straße Trennpunkt Innenstadtbereich / Altstadt
Trennpunkt Stichworte: Studentenverbindung
Trennpunkt Thema: Studentenverbindung -
Anmerkung zum Bild:
"Vivat die Pfarrerstochter!" (Hoch lebe die Pfarrerstochter!). So lautet der Text über dem ältesten bekannten Foto aus dem Jahre 1861. Das Gruppenbild zeigt die bei beim Corps Onoldia mitkneipenden Studenten auswärtiger Kösener Corps, das diese Mitglieder der "Pfarrerstochter" dem seinerzeitigen Senior der Onoldia zugeeignet hatten.
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Aufregung um die Erlanger "Pfarrerstochter"
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"Pfarrerstochter" - so nannte sich die Erlanger "Vereinigung auswärtiger inaktiver Corps-Studenten des Kösener SC". Vor etwa hundert Jahren sorgte dieser studentische Stammtischzirkel mit dem sonderbaren Namen für einigen Gesprächsstoff. Der Pfarrerverein der protestantischen Landeskirche in Bayern verlangte nämlich im Dezember 1908 vom Stadtmagistrat, dieser Vereinigung "die Führung des [...] den Stand der Pfarrerstöchter und Pfarrer verhöhnenden Namens zu untersagen". Und das erregte einiges Aufsehen.

Schon 1899 hatte der Pfarrerverein mit einer Eingabe erreicht, dass der Akademische Senat der Universität den Namen "Pfarrerstochter" als unpassend erklärt und disziplinarisches Einschreiten bei seiner Verwendung angedroht hatte. Die bayerischen Pfarrer hatten sich aber verfrüht der Hoffnung hingegeben, schon damit dem sie ärgernden Namen ein Ende bereitet zu haben. 1908 alarmierte ein Perlacher Amtsbruder den Pfarrervereinsvorsitzenden K. Haußleiter mit dem Hinweis, in der "Augsburger Abendzeitung" habe die Erlanger "Pfarrerstochter" unter diesem Namen ihre ehemaligen Mitglieder zum 45. Stiftungsfest eingeladen. Daraufhin wandte sich Haußleiter - "nachdem der Verein den Namen wieder öffentlich gebrauchte" - erneut an den Akademischen Senat. Der erklärte sich aber für nicht zuständig, die Namensführung zu verbieten, da es sich bei der "Pfarrerstochter" nicht um eine studentische Korporation im Sinne der Universitäts-Satzungen handele. So abgewiesen, richtete der Pfarrerverein sein Verlangen schließlich an die Stadt Erlangen als der zuständigen Ortspolizeibehörde. Der Stadtmagistrat musste sich daher in öffentlicher Sitzung mit dem Antrag befassen. Aber auch diesmal blieb der Pfarrerverein mit seinem Anliegen erfolglos, denn der Magistrat entschied, "mangels eines öffentlichen Interesses" sei er nicht in der Lage, dem Antrag stattzugeben. Darauf folgte die Formulierung: "Sollte in dem Führen des Namens "Pfarrerstochter" [...] eine Verhöhnung des Standes der Pfarrerstöchter und Pfarrer erblickt werden, so muss es den Interessenten überlassen werden, im Wege der Privatklage gegen den oder die Beleidiger vorzugehen."

Auch nachdem die "Pfarrerstochter" im Magistrat "einen so freundlichen Beschützer gefunden" hatte, wie das "Erlanger Tagblatt" formulierte, gab der Pfarrerverein seinen Kampf gegen die Namensführung nicht auf. Mit einer Beschwerde beim Kultusministerium erreichte er, dass der Akademische Senat sich nochmals mit der Angelegenheit befasste. Nun beschloss dieser, zu jedem Semesterbeginn sei dem Vorsitzenden der "Vereinigung auswärtiger inaktiver Corps-Studenten" zu eröffnen, dass den Mitgliedern im Falle der öffentlichen Führung des umstrittenen Namens disziplinäre Bestrafung drohe. Diese Entscheidung fiel erst im Mai 1910 und das Semesteranfangsritual dürfte bald wieder in Vergessenheit geraten sein.

Inzwischen hatte die Erlanger Magistratsentscheidung zu einem allgemeinen Interesse an der "Pfarrerstochter" geführt. In der Münchener "Jugend" wurde 1909 sogar "nach einer wahren Erlanger Begebenheit" ein spöttisches
"Lied von der ‚Pfarrerstochter´" veröffentlicht. Es begann:

"Es sind die Pfarrerstöchterlein
Der Frauen schönste Sterne!
Schon Goethe hatt´ in Sesenheim
Ein Pfarrerstöchterl gerne."


Die Schlussstrophe lautete:

"Die Pfarrerstöchter, blond und fein,
Sind allerliebste Göhren.
Wie alle hübschen Mägdelein
Soll man sie hoch verehren!
O Pfarrverein, du tust mir leid!
Du dauerst mich gar sehr!
Wenn Ihr gar so empfindlich seid,
Dann zeugt halt keine mehr!
Juchu, heidi,
Dann zeugt halt keine mehr!"


Aber es wuchs auch das sachliche Informationsbedürfnis an der Geschichte der "Pfarrerstochter". Das "Erlanger Tagblatt" gab einen Artikel aus der "Frankfurter Zeitung" wieder, in welchem ein bei Frankfurt lebender Redakteur behauptete, er selbst habe als Gründungsmitglied den Namen "Pfarrerstochter" vorgeschlagen, den "der Sage nach" schon eine frühere Bierverbindung geführt haben soll. Er erinnerte sich: "Wir kamen jeden Samstag Abend in einem kleinen Kneiplokal in der Nähe des Gasthauses ‚zur Glocke" zusammen. [...] Hier trafen sich

--- Teutonen (Marburg),
--- Sachsen (Jena),
--- Braunschweiger (Göttingen),
--- Pommern (Greifswald),
--- Franken (Tübingen) u.a.,

lauter Mitkneipanten der "Onoldia", bei der sie nicht aktiv werden konnten, da die "Onoldia" [...] eine sogenannte Lebensverbindung war, die fremde Korpsstudenten nicht aufnahm. Die ‚Pfarrerstochter´ bot ihren Mitgliedern den "Reiz des Korpslebens ohne dessen Zwang."

Die Vereinigung wurde im Sommersemester 1858 gegründet, ein festerer Zusammenschluss mit Satzung bildete sich im Mai 1863. Im Restaurant des Wirtes Franz Siedersbeck in der Hauptstraße 40 war 1908 noch der Tisch zu finden, der die Namen der Gründungsmitglieder von 1863 und das Bildnis des früheren Pedells A. Hinker überlieferte. Das "Erlanger Stadtlexikon" notiert zur weiteren Geschichte : "Die Blütezeit der legendären Pfarrerstochter hielt bis nach 1918 an. Der Versuch einer Neugründung nach dem 2. Weltkrieg war jedoch nur von kurzer Dauer (Sommersemester 1953-1957)." Einer, der damals "dabei" war, lebt heute in Baiersdorf.

Die Herkunft des seltsamen Namens "Pfarrerstochter" ist nicht eindeutig feststellbar; das Stadtlexikon verweist auf "verschiedene legendenhafte Erklärungsversuche".
Ein vom „Erlanger Tagblatt“ schon 1908 angebotener sei hier wiedergegeben: Ein altes Mitglied der "Pfarrerstochter" gab demnach folgende Deutung des Namens und Wappens: "Zwei der Musensöhne verliebten sich [...] in ein Pfarrerstöchterlein. Die Eifersucht wuchs so stark, dass nicht nur der Stammtisch sich in zwei Lager spaltete, nachdem sogar zwischen den feindlichen Brüdern Kugeln gewechselt wurden - glücklicherweise ohne Erfolg. Da geschah etwas ganz Unvorhergesehenes! Das Pfarrerstöchterlein verlobte sich - mit einem dritten, dem bewegten Kreis ganz Fernstehenden! Zur Erinnerung und als Warnung hießen sie sich fortan ‚Pfarrerstochter´ und blieben hübsch ‚unter sich Pfarrerstöchtern´. Und heute noch zeigt das Wappen in einem Feld eine Pfarrerstochter mit Gebetbuch und darüber zwei Pistolen mit der Aufschrift: ‚Gezogen!´"

Heinrich Hirschfelder
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Erstveröffentlichung in den „Erlanger Nachrichten“ vom 2.1.2009, hier um den Schlussabschnitt erweitert.





























Anmerkung zu obigem Bild:
Das Bild mit der Jahreszahl 1863 zeigt im Vordergrund einen liegenden Studenten mit einem Hund. War die 1858 gegründete "Pfarrerstochter" zunächst nur eine lose Vereinigung, so trat sie 1863 als offiziellerer Zusammenschluss auf, nunmehr wohl auch mit Statuten.
Professor Dr. med. Peter Hümmer stellte freundlicherweise beide Bilder aus dem Archiv des Corps Onoldia, Erlangen, Nürnberger Str. 8 (Album Rudolph Hofer) zur Veröffentlichung in "Kennst du Erlangen?" zur Verfügung.

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