Kennst du Erlangen

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Bild: Historie eines ungeplanten Platzes
Historie eines ungeplanten Platzes
Trennpunkt Bohlenplatz Trennpunkt Innenstadtbereich / Altstadt
Trennpunkt Stichworte: Historischen Wandel
Trennpunkt Thema: Denkmal -
Im armen «Kleinpolen»
Die Neustadt Erlangen entstand bekanntlich 1686 als Planstadt zur Ansiedlung französischer Glaubensflüchtlinge. Diese vor den Toren der Altstadt neu angelegte Stadt wurde in den ersten Jahrzehnten, als die Einwohnerschaft stark wuchs, mehrmals erweitert, und zwar zunächst entlang der Hauptstraße – nach Norden zur Altstadt hin und nach Süden bis zum Nürnberger Tor –, dann aber nach Osten, parallel zum Schlossgarten entlang der Friedrichstraße.
Das Viertel um den Bohlenplatz geht auf diese letzte Erweiterung der Barockstadt zurück. Um 1722 wurde das bis dahin der Altstadt gehörende Gebiet östlich des Palais Egloffstein stadtplanerisch erschlossen. Dabei war zwischen der Friedrichstraße und der neuen Oberen Karlstraße ein quadratischer Platz vorgesehen, an den sich nach Osten hin zwei Baublöcke anschließen sollten. Unter Markgraf Georg Friedrich Karl nahm der Platz konkrete Gestalt an. 1728 erfolgten die Grundsteinlegung der Deutsch-reformierten Kirche und der Bau der ersten Wohnhäuser. Das heutige Straßenbild lässt kaum vermuten, dass viele Häuser ursprünglich «eingädig» waren und erst später aufgestockt wurden. Hier wohnten und arbeiteten kleine Leute, vor allem Strumpfwirker und einfache Handwerker.
Infolge der allgemeinen Stagnation kam der Häuserbau allmählich zum Erliegen, sodass das weite, sandige Gelände bis zur östlichen Stadtmauer unbebaut blieb. Das Hauptgewerbe der Neustadt, die Strumpfwirkerei, verlor den Anschluss an den technischen Fortschritt. Im frühen 19. Jahrhundert war Erlangen so mehr als andere Städte vom wirtschaftlichen Niedergang geprägt. Entsprechend stieg auch die Einwohnerzahl von 1750 bis 1850 nur um 3000 auf insgesamt 11 000 an.
Die Bezeichnung «Kleinpolen» findet sich erstmals in der Reinhardschen Chronik (1774/78). Polen war damals wegen seiner ersten Teilung in der Diskussion, und der unvollendete Platz mit seinen kleinen Häusern erinnerte an «polnische Verhältnisse.»
Mit dem Niedergang der Strumpfwirkerei entwickelte sich der «Po(h)len», wie der Platz nun allgemein hieß, immer mehr zum Armenviertel. Der Jurist und Publizist Georg Friedrich Rebmann schildert in seinen «Briefen über Erlangen» (1792) die Armut im «Polen» in grellen Farben: «Freund, ich habe hier Szenen gesehen, bei denen dem Menschenfreund die Haut schauert. Fünf oder sechs nackte Kinder, in Lumpen gehüllt, wälzen sich bei der grimmigsten Kälte, in einem feuchten Dachstübchen, von Krätze und Aussatz überdeckt, auf Stroh; Erdäpfel in Wasser gekocht sind der armen Kranken einzige Nahrung (. . .)» In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte man vergebens, den Platz aufzuwerten. So wurde hier 1826 mit Unterstützung König Ludwigs I. eine Maulbeerbaum-Plantage für die Seidenraupenzucht angelegt, die bald wieder aufgegeben werden musste. Auch die Hoffnung des Stadtmagistrats, den Platz für den Bahnhof der geplanten Ludwigs-Süd-Nord-Bahn zu nutzen, zerschlug sich, als die
endgültige Trasse entlang der westlichen Stadtmauer feststand.
Ein neues Problem waren die sanitären Missstände, von denen das Viertel besonders betroffen war. Am Bohlenplatz befanden sich mehrere Versitzgruben zur Versickerung des Abwassers, die das Brunnenwasser verunreinigten. Die Häufung von Typhuserkrankungen der Anwohner gab den Anstoß zur Abwassersanierung. Zur Durchspülung des geplanten Abwasserkanals bohrte man 1864-1869 an der Ostseite des Platzes einen artesischen Brunnen, der aber auch bei einer Tiefe von 222 Metern nicht die erhoffte Wassermenge förderte. Anlässlich des Baus der «Neuen Kaserne» erfolgte dann wenig später vom Bohlenplatz aus die erste Teilkanalisation der Stadt.
In den Gründerjahren erlebte Erlangen einen allgemeinen Aufschwung. Östlich der alten Zollmauern entstand ein neuer Stadtteil mit Mietshäusern, Fabriken, Kasernen und dem Zollbahnhof. Das ehemals randständige Viertel partizipierte am Wachstum. Rund um den Platz wurden einige neue Gebäude errichtet: die Brauereigebäude von Erlwein & Schultheiß hinter dem alten Brauhaus Bohlenplatz 6, die Betriebszentrale der Konsumgenossenschaft und zwei Jugendstilhäuser. 1914 musste das frühere Wachthaus am Buckenhofer Tor dem Neubau der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik weichen.
Der Platz selbst wurde unter Bürgermeister Dr. Georg Schuh 1887 nach einheitlichem Konzept in eine gärtnerische Anlage mit reichem Baumbestand umgestaltet. Er erhielt so die Funktion einer Grünoase und Ruhezone, die er bis heute – und seit der letzten Umgestaltung 1982 besser denn je – wahrnimmt. In den Gründerjahren wurde auch die Bezeichnung «Bohlenplatz» amtlich. Mit seinen Assoziationen an einen Zimmermannsplatz passte der Name besser zum Zeitgeist als das ärmliche «Kleinpolen».
Nach 1933 wollten die Nazis den «Dietrich-Eckart-Platz», wie der Platz nun hieß, in ein monumentales Krieger-Ehrenmal umgestalten. Bei den Planungen wurden unter anderem Entwürfe der Erlanger Bildhauer Walther Bischoff und Christian Wrede favorisiert. Die rasche Realisierung scheiterte aber an Meinungsverschiedenheiten der Entscheidungsträger, bis das Projekt auf die Zeit nach dem «Endsieg» verschoben wurde. So hat der Platz auch die NS-Zeit überdauert. THOMAS ENGELHARDT , EN 8.8.2008

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